Meine Zeit bei Outward Bound
- Veronika Frank

- 20. Okt. 2019
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 1. Apr. 2020

Als meine Ausbildung bei Outward Bound begann, herrschten vorallem Freude und Aufregung in mir. Das Draußen sein, die Natur und die Umgebung besser kennen zu lernen, mich persönlich weiterzuentwickeln und selbst erlebnispädagogische Pro-gramme gestalten und durchführen zu können, reizten mich sehr. Dennoch fühlte ich mich zu Beginn noch sehr weit entfernt davon. Die Ausbildung schien für mich eine praxisnahe Möglichkeit, um in die Erlebnispädagogik einzutauchen. Eine Welt, die bisher nur am Rande meines Studiums abgetastet wurde, mich jedoch fasziniert hat. Mein Anspruch an mich selbst war, sich auf neue Dinge einzulassen, eigene Ängste zu überwinden und alles aus dieser Zeit rauszuholen.
Nach der ersten Woche der Ausbildung, welche aus einer 5- tägigen Schneeschuhtour bestand war ich fasziniert von der Natur, dem was wir erlebt haben und überglücklich über die Entscheidung bei Outward Bound zu sein. Am letzten Tag der Schneeschuhexpedition liefen wir an der Schwendebrücke im Kleinwalsertal vorbei. Ich wusste, dass sie zum Programm in Baad gehörte. Ich weiß noch, wie ich zu den anderen sagte: „hier werde ich mich nie abseilen.“ Der Gedanke, Teilnehmer jemals an der Schwendebrücke abseilen zu können, bereitete mir Angst. Ich wusste, um diese Aktion durchführen zu können, müsste ich es selbst einmal erlebt haben.
Da ich mir erst zu Beginn der Ausbildung einen Klettergurt kaufte, öffnete sich für mich erst damit die Kletterwelt in all ihren Facetten. All die Sicherheitsstandards, Techniken, Knoten und Abläufe schienen mir fremd und teils überfordernd. Ich wusste, dass der Tag kommen wird, an dem wir in den Aufbau der Schwendebrücke eingewiesen werden und es selbst ausprobieren „dürfen“. An diesem Tag, circa 2 Monate später, wachte ich mit einem Kloß im Hals auf. Beim Aufbau hatte ich keinen Kopf um mir all das zu merken, was sicherheitsrelevant war, weil ich so damit beschäftigt war, meine Angst zu regulieren. Ich packte all meinen Mut zusammen und wusste nicht, was ich gerade tue, als ich mich in die Knoten einhängte. Mit zunächst geschlossenen Augen lies ich mich im Seil hängen. Nach ein paar Sekunden öffnete ich die Augen und fand mich inmitten einer traumhaften Umgebung. Unten angekommen war ich einfach nur glücklich und erleichtert, dass ich noch lebe. Dieses Erlebnis hat mir gezeigt, dass man wirklich wachsen kann und Begrenzungen temporär sein können. Das Zitat von Kurt Hahn geht mir dabei immer wieder durch den Kopf.
“There is more in us than we know if we could be made to see it; perhaps, for the rest of our lives we will be unwilling to settle for less.” – Kurth Hahn
Ich wusste, dass die Brücke nur der Anfang von etwas Größerem war und mir sehr viele Türen öffnete. Ich fand mich während der Ausbildung immer wieder in Situationen, in denen ich im nachhinein nicht sicher war, ob ich diejenige war, die sich zum Beispiel gerade an einem Baum hochgezogen hat um die mobile Jakobsleiter abzuhängen. Ich merke, dass sich in diesem Bereich ganz viel getan hat, dass ich jedoch noch lange nicht am Ende der Reise bin. Ich fühle mich sicher im Aufbau und Betreuung der Schwendebrücke und es berührt mich jedes Mal auf neue, wenn Teilnehmer den Mut fassen und gegen ihre Angst kämpfen. Diesen Moment mit den Teilnehmern zu teilen und Ihnen ein solches Erlebnis zu ermöglichen, bereitet mir Freude. Nicht weil ich die Schwendebrücke als Aktion gerne durchführe, sondern weil sie jedem Einzelnen Wachstum ermöglicht. Wortwörtlich können neue Perspektiven über die Umgebung, sowie über sich selbst erzeugt werden.

Ein weiterer Knackpunkt stellte für mich das eigenständige Kurse geben dar. Der Übergang vom Hospitieren und nicht die volle Verantwortung tragen zu müssen, hin zu ich darf alles selbst entscheiden, legte einen Schalter bei mir um. Wenn man weiß, es ist jemand da, der es vielleicht besser kann wie man selbst, finde ich mich gerne in der Position, sich zurück zu lehnen, zu zuschauen und zu lernen, anstatt sich auszuprobieren und sich eventuell zu blamieren. Ich dachte ich könne das noch nicht und fragte mich, wie ich wohl einen Kurs leiten würde und wie ich als Person vor einer Gruppe stehe. Das Feedback einer Duo-Leitung bestärkte mich in dieser Hinsicht, weil mir zugesprochen wurde, dass ich bereits alles notwenige kann und beherrsche. Es sei an der Zeit mich nur ausprobieren und aus dem eigenem Leitungsverhalten zu lernen. Die erste Sololeitung bestätigte diese Worte. Sich selbst zu überlegen, wann man welche Aktion durchführt, wie man auf Gruppenprozesse eingeht oder wie man „Programm-Lücken“ nutzt, fordert mich, an Zielen der Woche für den Kurs festzuhalten und darauf hinzuarbeiten. Ebenso verlangt das Eingehen auf Gruppenprozesse ein stetiges Beobachten der Gruppe und Flexibilität in der Planung des Trainers. Sowohl den Teilnehmern, als den Lehrern, wie auch dem Wochenplan gerecht zu werden, setzt eine hohe Organisationsfähigkeit voraus. Da nicht jede Aktion, an einem beliebigen Tag durchgeführt werden kann, da sie in Benutzung von anderen Kursen sein können, gilt es diese am jeweiligen Tag passend einzubauen. Dazu braucht es Zeit und Kreativität, um sich zu überlegen, was aus dem jeweiligen Element herausgezogen werden kann oder wie es angeleitet werden kann, damit die Gruppe davon profitiert. Gerade dieser Aspekt leitet mich dazu, mehr über eine Aktion und ihre Wirkung nachzudenken und gibt dem Kurs die gewisse Tiefe, die ich anstrebe. Um diese zu erreichen, hilft es mir, viel über die Kurse zu sprechen. Zu erfahren, wie andere ihre Kurse anleiten, welche Aktionen sie planen, erweitert den eigenen Methodenkoffer und öffnet Möglichkeiten, die Gruppe anders zu erreichen.
Gerade dieser Punkt leitet mich jedoch zu Schwierigkeiten, die ich während der Ausbildung erlebt habe. An dem Ort zu wohnen, wo du arbeitest verleitet dazu, niemals aufzuhören, an die Arbeit zu denken. Oft wird abends noch über Kurse oder Teilnehmer gesprochen, was an sich gut ist, um sich selbst zu reflektieren, jedoch nicht um abzuschalten. Wenn es abends kein anderes Thema als Erlebnispädagogik gibt, fühlte ich mich manchmal wie in einer Blase. Gerade weil der ganze Tag mit Arbeit und nichts anderem gefüllt ist, hat man jedoch oft auch nichts anderes zu erzählen. Für mich war es dann wichtig an Wochenenden mal raus zu kommen und die „andere“ Welt wieder zu sehen.
Ebenso ist mir aufgefallen, dass ich gerne auch meine Zeit für mich habe. So sehr, wie ich es liebe in einer Gemeinschaft zu leben, so sehr brauche ich auch meine Zeit für mich. Wo andere nach einem lauten Tag mit vielen Teilnehmern immer noch Gemeinschaft suchten, war für mich der einzige Gedanke Ruhe. Es kostete mich Überwindung, mir diese Zeit einzuräumen, weil ich natürlich auch gerne Zeit mit den anderen verbringe, aber meinen Tank auch irgendwann auffüllen muss. Zu lernen, dass das bei jedem anders aussieht und dass manche ihren Tank gerne in Gesellschaft oder beim Sport füllen aber ich gerne ab und zu einfach mal drinnen, alleine in meinem Bett liege, war schwierig. Zu zeigen, dass Grenzen erreicht sind, fiel mir schwer. Dennoch tat es mir immer wieder gut, diese Grenzen zu respektieren, weil es mir Kraft für volle Kursprogramme gab.

Wenn ich in die Zukunft schaue, weiß ich, dass die Ausbildung mich für jegliche Arbeit mit Jugendlichen gerüstet hat. Sich jede Woche neu auf Teilnehmer einzulassen, ein passendes Programm zu erstellen und sie durch die Berge zu führen, gab ein enormes Verständnis von Gruppenphasen und Prozessen. Jede Woche neu in einer Leitungsposition zu stehen und Vorbild zu sein führte zu verantwortungsbewusstem Handeln. Den Methodenkoffer, der sich immer mehr füllte, je mehr ich im Austausch mit Trainern war, nehme ich für jegliche Jugendarbeit mit. Auch die Position, dass Teilnehmer selbst erfahren sollen, wie etwas funktioniert oder erleben sollen, wie sich etwas anfühlt, möchte ich mittragen. Dies bedeutet für mich zwar viel Geduld während des Prozesses, birgt jedoch einen nachhaltigen Lernerfolg für die Teilnehmer. Die Herausforderung ist hierbei auch, sich immer wieder zu fragen, was den Jugendlichen guttut und nicht einem selbst. Was brauchen diese, um Zuhause besser agieren zu können? Habe ich einen guten Kurs, wenn ich selbst zufrieden bin und mich gut fühle oder wenn Teilnehmer einen Schritt in Richtung Selbstständigkeit getan haben? All dies sind Gedanken, die ich gerne mitnehmen möchte, damit vor allem Kunden von den erlebnispädagogischen Trainings profitieren.
Ich hätte vor fünf Jahren wahrscheinlich niemals gedacht, dass das Selbstständig sein - in jeglicher Weiße - eine Option für mich ist. Doch wenn ich jetzt auf die nächsten drei Jahre schaue, könnte ich mir gut vorstellen ein Kleingewerbe anzumelden und auf der einen Seite erlebnispädagogische Trainings zu geben und auf der anderen Seite freiberuflich als Fotograf zu arbeiten. Da ich gerade wenig an irgendwelche Orte oder Personen gebunden bin, steht mir quasi die Welt offen. Dies bietet mir die Chance mich in den Dingen auszuprobieren, die mir Spaß machen. Inwieweit ich in 3 Jahren noch dasselbe träume oder meinen Traum schon lebe, sehen wir im Jahr 2022.
Ich möchte mich jedenfalls bei Outward Bound und damit bei allen Köpfen, die dahinterstecken, für all die schönen Erlebnisse, Erfahrungen und Lernprozesse bedanken, die mir bereitetet wurden. Da sind Momente dabei, die ich niemals missen möchte. Die Zeit bei Outward Bound hat mit gezeigt, was alles möglich ist und wie ein freies Leben aussehen kann.





































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